Maritime Literatur

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Joseph Conrad

Taifun


In Kapitän MacWhirrs Falle war es zum Beispiel ein ungelöstes Rätsel, was in aller Welt den wohlgeratenen Sohn eines Krämers in Belfast veranlaßt haben mochte, seinen Eltern davonzulaufen und zur See zu gehen.
Und doch hatte er gerade das getan, als er fünfzehn Jahre alt war.
Bei Licht betrachtet würde diese Tatsache genügen, um in uns die Vorstellung einer ungeheuren mächtigen Hand zu erwecken, die unsichtbar in den Ameisenhaufen der Erde hineinfährt, Schultern packt, Köpfe zusammenstößt und die verblüfften Gesichter der Menge nach ungeahnten Richtungen hin- und nie gekannten Zielen zuwendet.
Sein Vater vergab ihm seinen törichten Ungehorsam nie ganz.
"Wir hätten ihn ja entbehren können, wenn das Geschäft nicht gewesen wäre", sagte er später manchmal, "und er noch dazu unser einziger Sohn!" Seine Mutter weinte viel nach seinem Verschwinden.
Da er nicht daran gedacht hatte, eine Mitteilung zu hinterlassen, so wurde er für tot betrauert, bis endlich nach acht Monaten sein erster Brief aus Talkahuano kam.
Dieser war nur kurz und enthielt die Bemerkung: "Wir hatten sehr schönes Wetter auf unsrer Fahrt."
Doch war in des Schreibers Augen offenbar das einzig Wichtige, was er zu berichten hatte, die Tatsache, daß sein Kapitän ihn an eben dem Tage, wo der Brief geschrieben wurde, als ordentlichen Matrosen angenommen und auf die Schiffsartikel verpflichtet hatte.
"Weil ich die Arbeit leisten kann", fügte er erklärend hinzu.
Die Mutter vergoß wieder viele Tränen, während der Vater seinen Gefühlen durch die Worte Luft machte: "Tom ist ein Esel."
Er war ein wohlbeleibter, mit natürlicher Schlauheit begabter Mann und konnte es bis ans Ende seines Lebens nicht lassen, im Verkehr mit seinem Sohne halb mitleidig über ihn - wie über einen nicht ganz zurechnungsfähigen Menschen zu witzeln.
Die Besuche MacWhirrs in seiner Heimat waren natürlich selten, und so schrieb er im Laufe der Jahre eine Reihe von Briefen an seine Eltern, durch die er sie über seine Beförderungen sowie über sein Hin und Her auf dem weiten Erdball auf dem laufenden hielt.
In diesen Mitteilungen waren Sätze wie die folgenden enthalten: "Die Hitze ist hier sehr groß" oder: "An Weihnachten trafen wir auf einige Eisberge."
Die alten Leute lernten nach und nach alle möglichen Namen von Schiffen und ihren Führern kennen - Namen von schottischen und englischen Schiffseigentümern - Namen von Meeren, Meerengen, Vorgebirgen - ausländische Namen von Häfen für Bauholz, für Reis, für Baumwolle - Namen von Inseln und Halbinseln und endlich den Namen der jungen Frau ihres Sohnes.
Sie hieß Lucy.
Es kam ihm nicht in den Sinn, zu erwähnen, ob er den Namen hübsch fand.

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